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Down-Syndrom

Kinder mit Down-Syndrom

Zusammenfassung
Kinder mit Down-Syndrom sind nicht nur entwicklungsverzögert, sie zeigen auch eine Reihe von kognitiven Problemen, die ihre Lernfähigkeit unterschiedlich stark beeinträchtigen. Dadurch entwickeln sich viele Grundfertigkeiten, auf denen höhere Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen aufbauen, nicht in ausreichendem Maße.
Eltern und Erzieher können aktiv in den Entwicklungsprozess eingreifen und Lernsituationen so gestalten, dass das Kind Ursache-Wirkungszusammenhänge besser erfasst und seine Fähigkeiten möglichst sinnvoll einsetzt.
Dieses „vermittelte Lernen“ geht über eine passive Akzeptanz der Behinderung hinaus und mobilisiert, durch aktives, strukturiertes Lenken der Lernprozesse, vorhandene Ressourcen und Stärken. Bessere Lernleistungen führen zu einem wachsenden Erfolgs- und Kompetenzgefühl. Sie ermöglichen eine größere Autonomie und somit eine bessere Lebensqualität.

Kinder mit Down-Syndrom zeigen allgemein Entwicklungs- und Lernverzögerungen. Trotz vieler Gemeinsamkeiten ist die Variationsbreite ihrer geistigen Fähigkeiten besonders groß. Noch ist nicht klar, ob ihre Entwicklung lediglich langsamer und in einzelnen Bereichen zeitlich versetzt verläuft oder, ob ihre Lernmechanismen – neurophysiologisch bedingt - von dem Durchschnitt der Schüler abweichen.

Da die abweichende Entwicklung schon im frühesten, vorgeburtlichen, Stadium ihres Lebens beginnt, können grundlegende Fertigkeiten nicht ausreichend gebildet werden, sodass Kinder mit Down-Syndrom für spätere, komplexe Anforderungen, wie Sprechen, Lesen oder Schreiben wenig gerüstet sind. Was andere Kinder augenscheinlich von selbst lernen, ob Treppensteigen oder sprechen, muss bei Kindern mit Down-Syndrom gezielt angebahnt und unterstützt werden. Im Rahmen einer Förderung müssen Defizite in den Grundfertigkeiten deshalb als erstes korrigiert werden.

Kennzeichnend für ihre Lernschwierigkeiten sind u. a. Aktivierungsstörungen, Wahrnehmungsprobleme, Aufmerksamkeitsmangel, schwache Motivation, geringe Selbstreflexion und Regulation, Schwierigkeiten Informationen gleichzeitig zu verarbeiten und bei anstehenden Aufgaben planvoll und strukturiert vorzugehen, ein eingeschränktes Arbeitsgedächtnis, Probleme in der Langzeitspeicherung und im Abruf von Wissen und vor allem gestörte Kommunikations- und Sprachfähigkeiten.

Zur allgemeinen Reifeverzögerung gesellen sich fehlende Übung und Lernchancen. Auch haben sie nicht ausreichend Möglichkeiten selbständig ihre Neugier zu entfalten. All dies vergrößert ihre Wissens- und Erfahrungslücken, so dass neue Informationen nicht sinnvoll eingeordnet und verankert werden können. Es reicht deshalb nicht aus, mit Kindern mit Down-Syndrom früh das Lesen zu trainieren oder besonderes Material für den Mathematikunterricht anzuschaffen. Eine isolierte Betrachtung einzelner Defizite oder angestrebter Fertigkeiten gefährdet außerdem die Übertragbarkeit neuer Kompetenzen auf den weiteren Wissenserwerb sowie auf andere, für den gesamten Lebenskontext des Kindes wichtige Bereiche. Die Eltern oder Erzieher sollten schon frühzeitig bewusst in den Lernprozess so eingebunden sein, dass Veränderungen im Lernverhalten des Kindes dauerhaft möglich werden.

Manche Forscher, wie etwa an der Universität Edinburgh, glauben, dass wir noch wenig über die spezifische Art zu lernen der Kinder mit Down-Syndrom wissen. Andere wiederum vermuten, dass die Weichenstellung für optimale Lernleistungen, wie für andere Kinder, durch eine strukturierte, stimulusreiche Umgebung in den ersten Lebens- und Kinderjahren erfolgt, wenn sich entscheidende, lebenslang wirksame Verschaltungen im Gehirn ausbilden.

Indem das kindliche Denken früh geschult und Informationen vielschichtig verknüpft und besonders die Stärken des Kindes genutzt werden, gestalten sich die künftigen Erfolge in der Schule oder im Bereich der persönlichen Autonomie viel optimistischer. So erleben wir nun junge Erwachsene, die sich zunehmend mündlich und schriftlich artikulieren können und ihr Leben mit geringer Unterstützung meistern.

Bereits Jerome Bruner vertrat die Ansicht, dass Eltern bei der Entwicklung des kindlichen Denkens, dass Gerüst bereitstellen, auf dem sich Fertigkeiten Stufe um Stufe entwickeln können. Bei Kindern mit Down-Syndrom fehlt uns häufig diese natürliche elterliche Kompetenz, weil uns die Beispiele für eine angemessene und effektive Erziehung fehlen.
Unsere erzieherischen Fähigkeiten werden brüchig, wenn das Kind nicht wie erwartet, Fortschritte macht und auf unsere Bemühungen hin keine besseren Leistungen zeigt.
Um optimale Fortschritte zu erreichen, ist besonderes Wissen über Lernfunktionen und -mechanismen, über Problemlösen, Aufmerksamkeitsprozesse, Motivationsentwicklung usw. erforderlich. Je besser ein Kind diese Grundfertigkeiten beherrscht, desto schneller kommt es voran. Je mehr Lücken und unausgereifte oder instabile Fähigkeiten es zeigt, desto eher werden auch Förderbemühungen scheitern.

Gerade hier spitzen sich die Schwierigkeiten, die viele Eltern und Lehrer erleben, zu. Die Folgen sind oft unheilsam: Abwehr, Verweigerung, Resignation bis hinzu Depression beim Kind; Schuldgefühle, Druck, Entmutigung, Resignation, Indifferenz bei den Eltern und Lehrern. Letztere müssen sich auch noch mit der Angst beruflich zu scheitern auseinandersetzen. Deshalb müssen in der Förderung von entwicklungsverzögerten Kindern die Möglichkeiten der Erzieher das Kind auf seinem Lernweg zu begleiten, als erstes gestärkt werden. Wenn Eltern die Lernprozesse besser verstehen, und daher ihr Kind gezielter fördern können, wird das Kind als praktische Konsequenz in vielen Lebensbereichen in der Lage sein, sein verhalten planvoll zu kontrollieren und seine Fähigkeiten effektiv einzusetzen.

Den Weg der „vermittelten Lernerfahrung“ in der Erziehung zu gehen, ist nicht selbstverständlich. Er erfordert nicht nur viel eigenes Engagement, sondern auch das „gewusst wie“.
Feuerstein hat vor vielen Jahrzehnten erkannt, dass man die Lernpotentiale und Stärken des Kindes, insbesondere, wenn seine Entwicklung unter erschwerten Bedingungen verläuft, gezielt aufspüren und nutzen soll. Nicht nur die Umwelt soll ihm, wie für den Rollstuhlfahrer, angepasst werden, sondern das Kind soll befähigt werden, sich seiner Umwelt zu stellen und sich ihr nach Möglichkeit anzupassen. Es reicht also nicht, die Bürgersteige abzusenken, ebenso wichtig ist es dem Rollstuhlfahrer beizubringen, wie er in einer Stadt zurechtkommt.

Auch Kinder mit Down-Syndrom müssen (und können in der Regel) das Lernen, was ihnen meist so schwer fällt, was aber für erfolgreiches Verhalten unumgänglich ist:

  • Lern- und Handlungsziele zu bestimmen
  • Einen Handlungsplan zu entwerfen und alle notwendigen Schritte zu kontrollieren
  • Die Effizienz des Handlungsablaufs zu überwachen
  • Angestrebtes und erreichtes Ziel miteinander zu vergleichen.

Kurz, ihre eigenen Verhaltensweisen zu hinterfragen und vorhandene Strategien und Fähigkeiten zu nutzen und weiterzuentwickeln.
Ein Hauptproblem der Kinder mit Down-Syndrom ist nun gerade die Schwierigkeit Erlebnisse, Absichten, Gefühle und Gedanken in Worte zu fassen. Dies wirkt sich negativ auf ihre Lern- und Verhaltensstrategien aus. Eltern sollten deshalb die Entwicklung dieser grundlegenden Eigenschaft nicht dem Zufall der verzögerten Reife überlassen, sondern aktiv beeinflussen. Erworbene Fertigkeiten lassen sich dann verallgemeinern und auf andere Bereiche des Wissenserwerbs übertragen.


In den ersten Lebensjahren, wenn seine Sprache noch nicht genügend ausgebildet ist, sollten Lernsituationen in der natürlichen Umwelt des Kindes so organisiert werden, dass es eine reiche Basis für Veränderungen seiner Denkweisen geboten bekommt. Später muss das Kind mit Down-Syndrom dann lernen, sich alle Handlungsschritte geistig (bildhaft und durch „innere Sprache“) vorzustellen und den Handlungsablauf zu verbalisieren. Bekommt es entsprechende Hilfen, so gelingt es ihm nach und nach Lernziele zu formulieren, zu planen und durchzuführen.
Auch die geringe Aufmerksamkeitsspanne oder das eingeschränkte Arbeitsgedächtnis lassen sich positiv beeinflussen. So können Eltern die Aufmerksamkeit des Kindes bewusst auf einen Gegenstand lenken, abwarten, ob das Kind aufnahmefähig und konzentriert ist und ihm dann entsprechende Inhalte vermitteln. Durch die Qualität einer solchen Lernerfahrung, bleibt Wissen nicht oberflächlich, sondern wird tiefer verarbeitet und daher besser erinnerbar.

Kinder lernen nicht ohne weiteres durch besondere Therapien oder „Programme“. Sie lernen dadurch, dass Eltern und Erzieher sich kontinuierlich, geduldig und konsequent mit ihnen auseinandersetzen, ihnen Lernchancen und Lernwege vermitteln (dabei kann dann auch ein fundiertes und individualisiertes „Programm“ von Nutzen sein).

Viele zunächst Erfolg versprechende „Methoden“ greifen hier leider zu kurz. So ist nicht Erfolg, sondern Misserfolg programmiert, denn es kann sogar kontraproduktiv sein, nur spezifische Inhalte zu fördern und zu trainieren, wenn nicht durch Grundfertigkeiten eine stabile Basis für systematisch aufeinander aufbauende Fähigkeiten geschaffen wurde. Weder Lesen noch Rechnen, d. h. die so genannten Kulturtechniken, auf die Eltern heute soviel Wert legen - sie stellen ja auch ein Grundrecht dar, damit Menschen mit Down-Syndrom wirkungsvoll am gesellschaftlichen Leben teilhaben können -, und mögen sie noch so intensiv und früh geübt werden, reichen aus, die ganzheitlichen Erfahrungen eines ausgewogenen vermittelten Lernens zu ersetzen.

Memory vermittelt deshalb in einer mehrtägigen Fortbildung nicht das „was“, sondern das „wie“ einer Lernsituation. Dies ist für Eltern und auch viele Lehrer eine wenig vertraute Herangehensweise, die sie selbst erst kennen lernen und erproben müssen, um sie an die Kinder weitergeben zu können. Die Teilnehmer eines Memory-Workshops lernen, wann und wie sie ihre Förderbemühungen sinnvoll einsetzen können, wann sie Hilfe anbieten sollen oder wann das Kind selbst die Lösung einer Aufgabe erarbeiten kann. Lernsituationen derart zu lenken, macht Eltern-Kind- und Lehrer-Kindkontakte reicher und zufriedenstellender.

Um die Schwierigkeiten einer Lernsituation einzuschätzen, ihre wichtigen Aspekte herauszuarbeiten oder den Sinn einer planvollen Vorgehensweise erkennen zu können, müssen Eltern dies sozusagen am eigenen Leibe erfahren. Sonst bleibt „vermitteltes Lernens“ grüne Theorie, abstrakt und kaum nachvollziehbar.

Zum Schluss
Kinder, deren Entwicklung gefährdet ist, brauchen gezielte Hilfe, um ihre Möglichkeiten zu nutzen und zu erweitern. Diese Hilfen, erfordern ein umfassendes Verständnis der beteiligten Lernprozesse. Vielgepriesene „Methoden“, „Programme“ oder „Materialien“ können dies häufig nicht leisten. Wenn nicht gleichzeitig das Verständnis für die Lernmechanismen des Kindes geschult wird, wenn keine genaue Diagnose seiner Lernmöglichkeiten erfolgt und keine individualisierte Ziele erarbeitet werden, bleiben Lernergebnisse äußerst störanfällig, können Erfahrungen nicht auf neue Lernsituationen übertragen oder aufbauend genutzt werden. Das Kind erlebt seltener Erfolge, seine Eigenaktivität und Selbstentwicklung wird gehemmt, die Lernmotivation unnötig gebremst. Dies verstärkt die grundlegenden Probleme des Kindes mit Down-Syndrom.
Bereits Feuerstein hat betont, wie wichtig es in der Erziehung eines (lern)behinderten Kindes sei, Erfolge zu bewirken. Lernchancen vermitteln, bedeutet also das Kind in die Möglichkeit zu versetzen, kompetent mit Lernsituationen umzugehen, neue Verbindungen zu sehen und die Konsequenzen seines Tuns vorauszuahnen. Es wird so zunehmend in der Lage, das Richtige zu tun, denn durch eine qualitativ bessere Organisation der Lernsituation kann das Kind vorhandene Informationen, Wissen und Erfahrung in ganz anderer Weise zu nutzen. Erfolg und Übertragbarkeit sind vielleicht die wichtigsten Elemente der geistigen Entwicklung.
Für Feuerstein hat Übertragbarkeit auch die Bedeutung, dass Eltern ihre Wertvorstellungen an das Kind weitergeben können, auch wenn es geistig behindert ist.
Vermitteltes Lernen gelingt aber nur, wenn die Eltern und Erzieher bereit sind, sich mit einer solchen Erziehungsmethode fundiert auseinanderzusetzen.

Feuersteins Prämisse „Don’t accept me as I am – Nimm mich nicht so wie ich bin“, gewinnt dadurch eine neue Dimension: „Helping „retarded“ people to excell - Menschen mit Lernverzögerungen helfen über sich selbst hinaus zu wachsen.“