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Lerntherapie
Deutschland
Herzlich Willkommen

Bericht KUS-Projekt

Autorin: Birgitta M. Schulte
Fotos: Maria Wackmann
Datum: 28.04.2009
© www.hessen.ganztaegig-lernen.de

Jugendamt und Schule erproben die Ganztagsschule
Ein KUS(S) für jedes einzelne Kind

„Den Radiergummi auf den flachen Handrücken. Hochwerfen! Und dann auffangen!“ Christine Obert, Klassenlehrerin der 6. Klasse in der Förderstufe der Ernst-Reuter-Schule in Offenbach, fordert die Schüler und Schülerinnen zum Nachahmen auf. Gesellschaftslehre, die Römer sind dran. Spielen wie die Kinder der Römer spielten. Die konnten allerdings zwei tönerne Steinchen gleichzeitig mit dem Handrücken auffangen. Radiergummis fliegen, kreuzen ihre Bahnen, stürzen ab. Gar nicht so einfach. Lukas jagt seinem Gummi hinterher. Lachen, Spielfreude. „Solche Unterrichtssequenzen kann man sich sonst nicht leisten,“ sagt Christine Obert, „In KUS können wir ganzheitlich lernen. Wir können mehrere Sinne ansprechen, ohne dass uns die Zeit davon läuft. KUS heißt „kooperativ und schülerzentriert“ und kennzeichnet die Pilotklassen, mit denen in Offenbach zwischen 2007 und 2009 ein Ganztagsschulmodell entwickelt wird. In zwei Schuljahren wird ausprobiert, wie eine neue Form der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule gelingen kann. Das Modell wurde vom Jugendbildungswerk Offenbach des Jugendamtes heraus angestoßen. Drei Schulen, die Haupt- und Realschulklassen haben, wurden gewonnen. Zwei stellten Raum, Personal und je eine 5.Klasse zur Verfügung, eine eine 7. Klasse. Alle haben einen Stundenplan, der von 8.00h bis 16.00 Uhr reicht und das Mittagessen, die Hausaufgaben und Spielzeit einschließt.

Für Christine Obert war das attraktiv. Sie wollte endlich die finanziellen und personellen Mittel haben, um leistungsschwache Schüler und Schülerinnen fördern zu können. Es hat geklappt. Der Notendurchschnitt hat sich seit 2007 kontinuierlich gebessert. „Ich dachte, in dieser 5. Klasse seien nur Hauptschulkinder,“ erinnert sie sich. „Jetzt stellt sich heraus, dass viele in der Siebten in die Realschule wechseln können.“

Ein erstaunliches Fazit. Der Bildungsbericht 2006/7 wies noch 19 Prozent der HauptschülerInnen aus, die ohne Abschluss blieben. In Offenbach beträgt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund unter den SchülerInnen der Klassen 1 - 10 über 37 Prozent.

„Die Kinder, die nach der 4. Klasse bei uns bleiben, fühlen sich ja schon auf der Verliererseite,“ sagt Bruno Persichilli, Leiter der Ernst-Reuter-Schule in Offenbach, „da tut es gut, dass wir mit der Modellklasse hier ansetzen konnten.“

„Das Projekt war der Knackpunkt. Da haben zwei Professionen gemerkt, wie sie gemeinsam die Schule verändern können.“ (Bruno Persichilli)

Den Einstieg bildeten diagnostische Tests, mit denen überprüft wurde, ob bestimmte Kinder etwa an Lese-/Rechtsschreibschwäche, ADS oder mangelnder Lernmotivation litten. Durchgeführt wurden sie von externen Beratern des Instituts für prozessorientierte Lerntherapie und Beratung „Memory“ aus Zülpich. 12 von 24 Kindern in der einen Klasse der Ernst-Reuter-Schule brauchen heute noch ein Rechtschreibtraining, mit acht Kindern arbeitet der Lerntherapeut Frank Wiehe von Memory, während die anderen Unterricht nach Stundenplan erhalten. „Wir haben gelernt, dass wir innehalten müssen, uns die Lernvoraussetzungen angucken müssen,“ sagt Schulleiter Bruno Persichilli, „wenn wir nicht ständig von den mangelnden Leistungen enttäuscht sein wollen.“

„Wir wollten genau hinsehen - herausfinden, warum viele Kinder heute dem traditionellem Unterricht gar nicht folgen können,“ sagt Harry Köhler, Leiter des Jugendbildungswerkes des Jugendamtes der Stadt Offenbach. Es war der entscheidende Anstoß. Er führte schließlich dazu, dass Experten von außen einbezogen wurden. Die Idee aber kam aus dem Jugendamt, nicht aus der Schule.
In Offenbach, der Arbeiterstadt mit dem überaus hohen Anteil an Zuwanderern, übernimmt auch das Jugendamt Verantwortung für diejenigen, die später keine Lehrstelle erhalten. „Wir wussten, dass wir mehr leisten müssen als in unseren Jugendzentren Angebote bereitzustellen.“ So entwickelten Sozialpädagogen die Idee zu KUS und gingen auf die drei Schulen zu.

Alle wollten gerne Ganztagsschulen werden und dachten an normalen Unterricht am Vormittag, Mittagessen und Betreuung durch die Sozialpädagogen am Nachmittag. In der gemeinsamen Diskussion wurde ein neues Modell entwickelt: ein Wochenplan, in dem es Stunden zu Beginn jeden Tages gibt, in denen das Lernen gelernt wird, Stunden für selbständiges Lernen, wöchentlich vier Stunden Zeit für ein Projekt, Hausaufgabenbetreuung, Unterricht auch am Nachmittag und Pflichtzeit im Jugendzentrum. Das liegt für die Ernst-Reuter-Schule im Stockwerk über der Turnhalle. Café, Playstations und Billardtisch sind so über den Hof zu erreichen.
Der neue Plan verzahnt Vor- und Nachmittag und ist geprägt von Lern- und Lehrformen, in denen das einzelne Kind mit seinen speziellen Fähigkeiten und Lerneinschränkungen in den Blick genommen wird.

Kinder, denen das Lernen nicht leicht fällt, haben schwierige Themen wie „Das Leben der Kuh-Antilope“ präsentiert und alle Fragen des erwachsenen Publikums beantwortet.

Die Kinder wissen es zu schätzen. Ihnen gefällt am besten, „dass man da Hausaufgaben macht und dabei nicht allein ist. Das macht mehr Spaß,“ sagt Oguz. „Obwohl ich es meistens allein könnte.“ Auch Rania schätzt sich so ein, „aber ich hatte Dyskalkulie.“ Jetzt rechnet sie viel leichter, aber sie fühlt sich sicherer mit der Hilfe. Für Marcello und Lukas, die langsamen Kinder, ist die intensive Betreuung ein Segen. Sie ist möglich, weil außer der Klassenlehrerin Ingeburg Bartsch als Hilfskraft dabei ist. Larissa ist leidenschaftlich dem Puzzeln verfallen, ihr reichen sieben Minuten, um die Matheaufgaben zu lösen. „Heute war es nicht viel,“ sagt sie, „Ich wusste, dass ich es schaffe.“
„Dass wir zu den zwei großen Pausen noch eine Mittagspause haben,“ gefällt Oguz, „und das wir Spiele machen.“ Es gibt mehr Zeit, das empfinden die Kinder deutlich. „Und dass es Jan Dänner gibt. Der hilft uns klären. Er macht mit uns den Kummerkasten auf und dann besprechen wir das.“

Der junge Sozialpädagoge widmet KUS den größeren Teil seiner Arbeitskraft. Er ist dafür da, den Kindern Halt und Sicherheit zu geben, neue oder kranke Schüler einzubinden oder für Hilfe zu sorgen, wenn Probleme im Elternhaus übermächtig werden. Er spielt unter anderem „Klassenmemory“, schafft so Gruppensituationen, die die Klassengemeinschaft stärken. Er plant den wöchentlichen Projekttag mit, der Lernen vor Ort und Freizeitangebot verschränkt. „Jeden Monat einmal machen wir einen Ausflug. Zum Beispiel zum Eisstadion,“ erzählt Jan Dänner, „Da kann man mal mit einem Schüler zwei Runden drehen, und das bereden, wozu man in der Schule keine Zeit hat.“ Die wichtigste Aufgabe der Jugendhilfe ist in seinen Augen die Sensibilisierung der Lehrenden. Er inszeniert Gelegenheiten, in denen Reflektion über das Miteinander von Erwachsenen und Kindern und das Miteinander jeder Gruppe möglich wird.

Jugendamt und Schule, Sozialpädagoginnen und – pädagogen einerseits und Lehrerinnen und Lehrer andererseits haben einen langen Weg miteinander zurückgelegt. „Die größte Herausforderung war es für mich, mit meinem Anliegen der Integration dem schulischen Auftrag zur Selektion zu begegnen,“ sagt Jan Dänner, „mit diesem Widerspruch zurechtzukommen, dass wir den kleinen Menschen zur Entfaltung und der Klasse zum Gruppengeist verhelfen wollen und als Schule unterrichten und bewerten müssen.“

Es sind zwei unterschiedliche Grundhaltungen, die hier zum Tragen kommen, ein je anderes Verständnis von Professionalität. KUS war zu Anfang ein Synonym für das Aufeinanderprallen zweier Kulturen. Dass die deutsche Gesellschaft für sie auch unterschiedliche Tarifhöhen festgelegt hat, ist dabei keine Erleichterung. Es wurde hart gerungen. Die Sozialpädagogen vor Ort und im Jugendamt spürten schmerzhaft die Grenzen, die die Schulstruktur mit täglichem Angebot, zu großen Gruppen, Fächeraufteilung und Lehrzielerreichung setzt. Man hat sich gerieben, bis den Lehrenden die Vorteile der sozialpädagogischen Handlungs- und Prozessorientierung deutlich wurden. Der Weg war schwer, auch weil die jeweiligen Aufgaben noch nicht klar waren.
Vermittlung von außen wurde benötigt. Ohne die gemeinsamen Fortbildungen zur Lesehilfe zum Beispiel und ohne die Teamsupervision wäre es nicht gegangen, da sind sich beide Seiten einig. Jetzt gibt es nur noch Fallsupervision, Beratung der Klassenteams für schwierige Kinder. „Das ist nicht genug,“ meint Jan Dänner.

„Der sozialpädagogische Blick auf die Kinder ist eine Chance für die Schule, sich zu reformieren,“ sagt Harry Köhler vom Jugendbildungswerk Offenbach. „Wir setzen auf Freiwilligkeit und Motivation.“ Das hat die Schule als einen wichtigen Impuls wahrgenommen. „Aber so wie wir uns verändern müssen, so muss sich auch die Jugendhilfe verändern,“ meint Schulleiter Bruno Persichilli.
„Die Sozialpädagogen dürfen nicht warten im JUZ, sie müssen auf die zugehen, die Hilfe brauchen.“

Die Klassenlehrerin der Ernst-Reuter-Schule Christine Obert freut sich am meisten darüber, dass sie in fröhliche Gesichter schaut. „Man muss nicht ermahnen, die vertragen sich, keiner geht allein.“ Die Klasse ist eine „dynamische Gruppe“ geworden, auch das ein Ergebnis von Fortbildung und Coaching durch eine externe Beraterin.

Wichtig war auch die Unterstützung durch die Schulleitung. „Die Leute konnten sich auf den Weg machen,“ sagt Schulleiter Bruno Persichilli, „ich hätte sie auch geschützt, wenn nichts dabei herausgekommen wäre.“ Er weiß, dass Lehrkräfte ihr volles Einverständnis geben müssen, wenn Veränderungsprozesse in der Schule gelingen sollen. Er hat daher anfangs behutsam geworben und bei den Initiatoren um Geduld gebeten.

Die Schulleitungen haben im Hintergrund mitgewirkt. Sie wurden auf Einladung des Jugendamtes Teil einer Steuergruppe, in der außer der Jugendhilfe auch ein Vertreter des Staatlichen Schulamtes mitarbeitet. Auch hier wurde um ein gemeinsames Verständnis gerungen, und auch hier gibt es Vermittlungshilfe von außen, es moderiert Professor Claus Reis vom Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der Fachhochschule Frankfurt. Das Institut wie auch das Hessische Sozialministerium evaluieren den Prozess, der bis zum Ende des Schuljahres 2008/2009 läuft.

5 Wochen Afrika war die Zeit, in der Lehrkräfte und Sozialpädagogen ein gemeinsames Selbstverständnis entwickelten

Und längst wird überlegt, wie erhalten werden kann, was als gelungen empfunden wird. „Das Schönste war die fünf Wochen Afrika-Projekt. Da wurde sichtbar, was alles in den Kindern steckt - was wir nicht sehen, wenn wir nur Deutsch und Mathematik unterrichten,“ sagt Christine Obert, Klassenlehrerin in der Ernst-Reuter-Schule. „Wir überlegen, wie wir auch künftig ein Projekt über mehrere Wochen veranstalten können.“

Die Hoffnungen richten sich auf den Vertreter des Staatlichen Schulamtes. Er soll die Wünsche der Schule ins Ministerium tragen. Lerndiagnose und Lernmaterial von Spezialisten sollte es auf jeden Fall weiterhin geben, wie auch die Fortbildung dazu und Team- und Fallsupervision.

Christine Obert wird vermissen, dass im Team gearbeitet wurde, dass sie sich mit Jan Dänner immer besprechen konnte. Sie wird es auch vermissen, wenn demnächst nicht mehr so viele Eltern kommen, um ihre Kinder am Nachmittag abzuholen. Der Ganztagsrhythmus hat Begegnungsmöglichkeiten geschaffen, die sonst auf die Elternsprechtage beschränkt sind. „Es gab einfach mehr Zeit für alles, das lag nicht zuletzt daran, dass wir Ganztagsschule waren.“